Pralinen können ja gar nicht schmecken

KopfKino-Gründer Thomas Dellenbusch über die Kunst des Schreibens und ein steinhartes Vorurteil.

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Der KopfKino-Verlag hat sich auf Kurzromane (Novellen, Erzählungen) spezialisiert. Nicht weil sie einfacher zu schreiben sind, oder weil sie schneller zu schreiben sind. Auch nicht, weil der jeweilige Autor es aufgrund der relativen Kürze mit der erzählerischen Qualität nicht so genau nehmen muss. Im Gegenteil, aber darauf komme ich noch zurück.

Die Spezialisierung auf Kurzromane hat nur einen einzigen Grund: Eine wenig beachtete Nische zu besetzen. Spannende oder gefühlvolle Geschichten für die Zwischenzeiten des Lebens anzubieten und auch Paaren einen Stoff zur Verfügung zu stellen, der geeignet ist, den Fernseher einmal ausgeschaltet zu lassen, weil KopfKino-Geschichten beim gemeinsamen Lesen sowohl abendfüllend als auch -abschließend sind.

Was jedoch zunächst so schön klingt, kämpft doch in Wahrheit mit einem enormen, fast schon granitenen Vorurteil. Lasst mich einmal ein paar Blogs zitieren, die KopfKino-Bücher gelesen haben:

"Lovely Skye hat mir gezeigt, wie wundervoll doch Kurzromane sein können. Ich liebe es."
Phinchens Fantasybooks zu „Lovely Skye – Ein Sommer in Balnodren“

"Faszinierend, mit welcher Erzähldichte diese Geschichte aufwartet. Absolut lohnenswert."
Bücherblog "Ich lese - ich werte" zu „Chase – Jagd auf die stumme Dichterin“

"Rasanter & fesselnder Kurzthriller für zwischendurch. Auf diesen paar Seiten wird alles geboten, was ein guter Thriller braucht. Hier ziehe ich vor dem Autor meinen Hut."
Anjas Bücherblog zu „Chase – Jagd auf die stumme Dichterin“

"Unsagbar viel Tiefgang. Auch wenn es kein dicker Wälzer ist, hat dieses Buch doch enormes Gewicht! Ich könnte ellenlang davon schwärmen. Großartig und herzergreifend."
Das Niliversum zu „Verstecktes Herz“

"Die Autorin kann hier ihre Charaktere mit kleinen Gesten mehr beleben, als manch ein anderer auf 200 Seiten"
Ka-Sa's Buchfinder zu „Distant Shore – Sterne der See“

"Man hat das Buch schnell durch, aber die Handlung bleibt noch lange im Gedächtnis"
Bücherblog "Schmökereck" zu „Auch die gute Hoffnung stirbt zuletzt“

"Die Lesezeit dieser Geschichte mag nur 150 Minuten betragen, aber die Lebenszeit, die man mit ihr verbringt, ist viel, viel länger. Ich habe am Ende tief geseufzt und nochmal nachdenklich über den Buchdeckel gestrichen. Dieses Buch werde ich noch öfter lesen."
Das Niliversum zu „Liebe ist kein Gefühl“

und am deutlichsten:

„Kurzromane sind mir normalerweise sehr suspekt, da man in 75 Seiten kaum eine Handlung unterbringen kann, so dachte ich bisher. Dieser Autor belehrte mich eines Besseren. Dieser Thriller war ganz anders. Auch meine Befürchtung, dass die Charaktere blass blieben und die Handlung an Tiefe fehlen ließ, wurde nicht bedient.“
„BlueButterfly“ zu „Chase – Jagd auf die stumme Dichterin“

Ist es Euch aufgefallen? All diese engagierten, erfahrenen (und übrigens sehr sympathischen und liebenswerten) Buch-Bloggerinnen stellen die Qualität des jeweiligen Buches seiner Kürze gegenüber und bringen sodann ihr Erstaunen darüber zum Ausdruck, dass beides miteinander vereinbar ist.

Es ist so, als sei genau das eigentlich undenkbar.
Ein Kurzroman?? Das KANN ja nichts sein.

Nun handelt es sich bei den zitierten Bloggerinnen nicht um Literatur-Profis, sondern um engagierte, viel lesende Amateure. Man sollte vielleicht meinen, Profis sehen das anders. Mitnichten.

Letzte Woche äußerte sich eine Buchhändlerin, die ihre Buchhandlung in Mönchengladbach seit Jahrzehnten betreibt, nach der Lektüre von „Chase“ und „Verstecktes Herz“ wie folgt:

„Damit habe ich nicht gerechnet. Ich war sehr skeptisch bei nur 100 Seiten. Aber die Handlungen sind dicht und raffiniert, die Charaktere genauso gut ausgearbeitet wie bei längeren Büchern, und an Tiefe hat es auch nicht gefehlt. Ich war echt baff, das hat mich schon überrascht.“

Diese Erwartung, ein Kurzroman KÖNNE gar nichts sein, ist offenbar weit verbreitet und in Deutschland fest verankert.

Es ist fast so, als würde man sagen: „Eine Praline kann ja zwangsläufig nach nichts schmecken, weil dieses Konditorei-Produkt kleiner ist als eine Torte.“ Dabei gelten Pralinen als die hohe Schule der Konditorkunst.

Oder als würde man nach dem Genuss der „Herr der Ringe“-Filmtrilogie (600 Minuten) sagen: „Casablanca?? Der hat doch nur 100 Minuten, das kann ja nichts sein.“

Ist denn schon vergessen, dass Alice Munro 2013 den Literatur-Nobelpreis bekommen hat, obwohl sie nie etwas anderes in ihrem Leben geschrieben hat als Novellen?

Ist denn Goethe schon vergessen, der da sagte: „Entschuldige den langen Brief, ich hatte keine Zeit für einen kürzeren“?

Und mit diesem Goethe-Zitat sind wir bei des Pudels Kern. Es ist nicht einfacher, einen kurzen statt einen langen Romans zu schreiben. Ein langer Roman ist aufwendiger, aber nicht weniger knifflig zu schreiben. Und das Lesevergnügen bei einem (guten) Kurzroman ist zwar definitiv kürzer, aber nicht weniger intensiv.

Um das zu beweisen, benötige ich nur ein einziges, aber schlagkräftiges Argument:

Dieses ist mir aufgefallen, als letzte Woche der KopfKino-Sammelband „Distant Shore – Die komplette Trilogie“ ausgeliefert wurde.

Nun gibt es ein KopfKino-Buch, das 280 Seiten dick ist und alle drei Einzelgeschichten von Distant Shore beinhaltet. Da sie als Fortsetzungen geschrieben sind, kann man sie im Sammelband hintereinander weg lesen, wie einen „richtigen“ 280-Seiten Roman.

Da stellte sich mir sofort die Frage, ob sie jetzt dadurch besser würden. Immerhin bilden sie zusammen jetzt einen richtigen Roman. Muss ja jetzt besser sein!
Denn jede für sich alleine, das KANN ja nichts sein.

Wenn wir uns einen x-beliebigen (guten) 300-Seiten-Roman ansehen, fällt uns bei genauerer Betrachtung etwas auf. Er besteht aus 3 Abschnitten zu je 100 Seiten. Wenn sein Autor es nicht schafft, jeden einzelnen 100-Seiten-Abschnitt für sich allein mit Leben, Tiefe, Gefühl, Spannung, Handlung und glaubwürdigen Charakteren zu füllen, wäre der Roman nicht gut, sondern nur aufgeblähter Murks.

Es kommt nicht auf die Länge des Buches an, sondern nur auf die Schreibkunst seines Verfassers. Das Vorurteil, auf 100 Seiten könne man nichts Berührendes unterbringen, ist (verzeiht mir den Ausdruck) hanebüchener Quatsch. Denn selbst „Krieg und Frieden“ besteht aus 16 x 100 Seiten, und Tolstoi hat jeden dieser 100-Seiten-Abschnitte mit Tiefe, Gefühl, Handlung und glaubwürdigen Charakteren gefüllt.

Der Geschmack und damit der Genuss eines x-beliebigen Konditorei-Produktes wird nicht von seiner Größe bestimmt, sondern von seiner Rezeptur.
Auch Pralinen begeistern, nicht selten sogar mehr als manch eine dicke Torte.

Zugegeben, wir machen überhaupt keine Torten. Wir machen Pralinen.
Probiere mal eine zwischendurch und lass dich überraschen.

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