Lovely Skye - Ein Herbst in Balnodren

Von Annika Dick

Kapitel 1 - Unverhofftes Wiedersehen

»Ich versichere Ihnen, wenn es Abgeschiedenheit und Ruhe sind, die Mr. MacIntosh braucht, gibt es keinen besseren Ort als Balnodren.«
Fenella Wilkinson griff nach einem Kugelschreiber und notierte sich hastig die Daten, die ihr MacIntoshs Sekretärin übermittelte. Als sich die Eingangstür der Pension öffnete, hob sie nur kurz den Kopf und winkte ihrer besten Freundin Innes zu, ehe sie sich wieder ganz der Buchung widmete.
»Ja, ich glaube, wir haben dann alles. Ich wiederhole noch einmal kurz: Mr. MacIntosh kommt am Nachmittag des 2. Septembers an und bleibt bis zum 3. November. Wir haben für ihn das Bonny-Prince-Charlie-Zimmer reserviert. Es ist das größte Zimmer, das wir haben, mit einem eigenen Balkon, gebucht mit Halbpension. Alles korrekt? Wundervoll, Miss Sheppard, ich bedanke mich und freue mich sehr auf die Ankunft Mr. MacIntoshs. Auf Wiederhören.«
Fenella legte den Hörer auf, atmete einmal tief durch und hob den Blick zu Innes. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht quiekte sie plötzlich los und vollführte hinter dem Empfangstresen einen ausgelassenen Freudentanz.
»Ich habe das Gefühl, dass ich mich mit dir freuen sollte, weiß aber nicht so genau, weshalb«, erklärte Innes, während sie einen Stapel Zeitschriften auf dem Tresen ablegte und Fenella erwartungsvoll ansah.
»MacIntosh«, rief Fenella und quiekte erneut. Als Innes nicht in ihren Freudentaumel einstimmen wollte, seufzte sie und schüttelte den Kopf.
»Fergus MacIntosh? Der Schriftsteller?«
Innes starrte sie weiterhin verständnislos an.
»Komm schon, Innes, du musst ihn doch kennen. Die BBC hat gerade die Filmrechte für drei seiner Romane eingekauft. Der erste wird als Miniserie nächstes Jahr an Weihnachten laufen!«
»Und der kommt hierher?«
»Ja!«, rief Fenella begeistert und drückte den Notizblock mit seinen Aufenthaltsdaten an die Brust.
»Ich glaube, das letzte Mal habe ich dich so aufgeregt erlebt, als wir Karten für das Robbie Williams Konzert hatten.« Innes grinste ihre Freundin an. Fenella räusperte sich und ließ den Notizblock sinken.
»Unsinn. Ich bin eine erwachsene Frau und ein Profi in meiner Branche. Ich weiß, wie ich mit Gästen umzugehen habe, seien sie nun berühmt oder nicht.«
Sie strich sich ein paar imaginäre Flusen von der Bluse, während ihre Mundwinkel verräterisch zuckten. Fergus MacIntosh würde zwei Monate in ihrer Pension bleiben und hier seinen neuen Roman zu Ende schreiben wollen. Fergus MacIntosh!
»Du quiekst schon wieder«, neckte Innes sie, und Fenella bemühte sich, das erneut aufkommende Grinsen aus ihrem Gesicht zu wischen.
»Sieht er denn wenigstens so gut aus, dass dieses Quieken gerechtfertigt ist?«
Fenella zuckte mit den Schultern.
»Woher soll ich das wissen? Ich habe ihn ja noch nie gesehen.«
»Gibt es denn keine Fotos von ihm?«
Fenella schüttelte den Kopf.
»Er ist sehr zurückhaltend mit seiner Person. Auf den Büchern ist kein Foto von ihm, und bei den wenigen Lesungen, die er abhält, sind Foto- und Videoaufnahmen streng verboten.«
Innes‘ Augenbrauen schossen in die Höhe.
»Er könnte neunzig Jahre alt sein. Oder eine Frau.«
»Das ist mir egal! MacIntosh schreibt die schönsten Geschichten, die ich je gelesen habe, was kümmert es mich da, wie er aussieht?« Dann stutzte sie. »Wäre es wohl sehr unprofessionell, wenn ich ihn bitten würde, meine Bücher zu signieren?«
Innes zuckte mit den Schultern.
»Ich denke, an solche Fragen dürfte er gewöhnt sein. Er wird sicher nichts dagegen haben, zwei oder drei Bücher zu signieren.«
Fenella nickte, verschwieg aber wohlweislich, dass es sich vielmehr um fünfzehn Bücher handelte, die sie von ihm besaß. Jedes einzelne, das je von Fergus MacIntosh erschienen war, sogar sein Versuch an einem Mysterythriller, der von Kritikern und Lesern gleichermaßen abgestraft wurde. Es war tatsächlich das schlechteste seiner Bücher, aber Fenella hatte es nicht übers Herz gebracht, das Buch abzubrechen. Auch dieses hatte einen Platz neben den anderen gefunden.
»Heißt das, du wirst in den nächsten Monaten so sehr damit beschäftigt sein, deinen Autorenschwarm anzuhimmeln, dass du mich mit den Hochzeitsvorbereitungen allein lässt? Ich erinnere dich daran, dass du uns dazu überredet hast, die Hochzeit im Dezember zu feiern, obwohl ich dann eher einer Robbe am Strand gleiche und nicht einer Braut.«
Innes fuhr sich mit der Hand über den Bauch, der in ihrer Latzhose noch nicht einmal ansatzweise zu erkennen war.
»Natürlich helfe ich dir!«, widersprach Fenella und zog demonstrativ die Hochzeitszeitschriften zu sich.
»Und du wirst auch nicht wie eine Robbe aussehen, vertrau mir.« Sie hob kurz den Blick. »Und selbst wenn! Als ob das Jack daran hindern würde, Ja zu sagen, selbst zu deinem Robben-Ich«, neckte sie Innes, die sie entrüstet ansah. Fenella zwinkerte ihr vergnügt zu und nahm die Zeitschriften vom Tresen.
»Komm, wir gehen zu mir rüber. Ich sage Julia schnell, dass sie den Empfang übernehmen soll.«
Hätte jemand Fenella vor fünf Jahren gesagt, dass sie sich zukünftig zwei Mitarbeiterinnen in Vollzeit würde leisten können, hätte sie nur ungläubig gelacht. Damals war ihr eher zum Weinen zumute gewesen. Die Pension, die ihre Eltern gründeten, hatte kaum noch Gäste angelockt, das Haus blieb mehr und mehr sich selbst überlassen, da das Geld ausgeblieben war. Doch Innes‘ Werbemaßnahmen, die diese vor drei Jahren bei ihrer Ankunft in Balnodren gestartet hatte, bewirkten wahre Wunder. Zum ersten Mal musste sie in diesem Sommer sogar Gäste auf andere Pensionen und Hotels auf Skye verweisen, weil sie vollkommen ausgebucht gewesen war.
Nun, Mitte August, wurde es wieder etwas ruhiger. Trotzdem konnte sie sich bei derzeit fast zwanzig Gästen alles andere als beschweren. Sie überlegte schon, das alte Wirtschaftsgebäude zurückzukaufen, welches ihre Großeltern vor siebzig Jahren verkauft hatten und das nun wieder leer stand. Dort könnte sie weitere Zimmer oder gar Ferienwohnungen für Selbstversorger einrichten. Im Augenblick war das noch Zukunftsmusik. Aber wenn sich die nächsten Jahre ebenso erfolgreich entwickelten, wie es die letzten drei getan hatten, sollte sie in spätestens fünf Jahren genug Kapital dafür angespart haben.

***

»Ich benehme mich schon nicht wie ein Teenie-Fangirl«, murmelte Fenella ihrem Spiegelbild zu, ehe sie das Badezimmer verließ. Ein Blick auf die Uhr hinter dem Empfangstresen der Pension ließ ihr Herz ein klein wenig schneller schlagen. Nun war es offiziell Nachmittag.
Fergus MacIntosh konnte jederzeit anreisen.
Ich bin nicht nervös, wiederholte Fenella in Gedanken immer wieder. Das Erscheinen ihrer zehnjährigen Tochter in der Empfangshalle riss sie aus ihren Gedanken. Ihr kleiner Skye Terrier sprang hinter ihr her.
»Mum, darf ich mit Oscar zu Innes gehen und nach den Schafen sehen?«
Fenella zögerte, was ihre Tochter seufzen ließ.
»Mum, bitte, es ist doch gar nicht so weit, und ich hab meinen Inhalator dabei, siehst du?« Demonstrativ zog sie ihr Asthmaspray aus der Hosentasche und hielt es ihrer Mutter entgegen. »Jack kann uns nachher bestimmt zurückfahren, dann ist es sogar noch weniger weit. Bitte.« Sie zog das letzte Wort in die Länge und faltete flehend die Hände vor ihrer Brust. Oscar hob eine weiße Pfote und jaulte herzerweichend. Fenella presste die Lippen aufeinander, um ein Schmunzeln zu unterdrücken. Lucy hatte sich offensichtlich große Mühe damit gegeben, ihrem Hund diesen Trick beizubringen.
»Na gut, aber nur, wenn euch Jack wirklich wieder nach Hause fährt und du nicht in den Stall gehst.« Vor einem Monat hatten sie und Lucy Innes besucht. Während die beiden Freundinnen vor dem Haus saßen und sich unterhielten, war Lucy in den Stall geschlichen und hatte im Heu gespielt. Der anschließende Asthmaanfall sollte Fenella noch lange in ihren Albträumen verfolgen, und sie konnte sich nicht vergeben, an diesem Tag nicht besser auf Lucy geachtet zu haben.
»Danke Mum!«, rief Lucy begeistert und schlang ihre Arme um die Taille ihrer Mutter, ehe sie aus der Pension lief. Fenella ging ans Fenster und sah ihrer Tochter und ihrem Hund hinterher.
»Sie ist wirklich ein Goldschatz«, erklärte Julia, die gerade mit einem Stapel Handtücher vorbeiging. Fenella legte eine Hand an den Fensterrahmen und nickte.
»Ja, das ist sie«, bestätigte sie lächelnd. Sie blieb noch einige Minuten lang am Fenster stehen und sah zu, wie Lucy und Oscar die Straße von der Pension aus Richtung Hafen hinabliefen. Selbst als Kind und Hund nicht mehr zu sehen waren, folgte Fenella in Gedanken ihrem Weg durch die Straßen, am Hafen vorbei und am Ufer entlang, bis sie die Grenzen Balnodrens hinter sich gelassen hatten.
Ein schwarzer Wagen fuhr vor der Pension vor. Fenella brauchte einen Augenblick, ehe ihr bewusst wurde, welchen Neuankömmling dieses Fahrzeug beherbergte. Sie holte tief Luft, strich sich ihre Bluse glatt und trat vor die Tür, um Fergus MacIntosh persönlich zu begrüßen. Sie blieb in der Eingangstür stehen, bis der Wagen zum Halten kam. Der Fahrer stieg aus und ging zum Kofferraum, während sich eine der hinteren Türen öffnete.
Mit einem Lächeln, von dem sie hoffte, dass es nicht zu sehr nach einem wahnsinnigen Fan aussah, ging Fenella auf die sich öffnende Tür zu. Ein Mann stieg aus, groß und schlank mit dunklem Haar, das ihm bis zu den Schultern reichte und sich dort leicht lockte.
»Mr. MacIntosh, ich hoffe, Sie hatten eine gute Reise. Ich freue mich …« Ihr Lächeln erstarb, als er ihr das Gesicht zuwandte. Vor ihr stand nicht Fergus MacIntosh, Autor der wundervollsten Liebesromane, die sie je gelesen hatte. Stattdessen stand vor ihr eine Vergangenheit, die sie mühsam zu vergessen suchte und die sie nun einholte, um sie erneut zu quälen.
»Was tust du denn hier?«, fragte sie fassungslos.

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