Die vergessenen Wolfskinder


Gestern habe ich in wenigen Stunden ein Buch zu Ende gelesen, dessen historisches Thema mich durchaus interessierte, unter dem ich mir aber wenig vorstellen konnte. Am Ende muss ich sagen, dass es nur ganz ganz wenige Bücher geschafft haben, mich derart tief zu berühren und zu bewegen. Ich konnte es auch nicht mehr aus der Hand legen.

Zu meinen ewigen Interessensgebieten gehört seit jeher Geschichte. Bestimmt ein Drittel meines Bücherregals wird von Geschichtsbüchern eingenommen. Im Gegensatz zu anderen hatte ich wohl das Glück, in der 5. Klasse einen verdammt fähigen und begeisternden Geschichtslehrer zu haben. Vielen Dank an dieser Stelle, Herrn Höing! Seitdem finde ich Geschichte äußerst spannend. Der Schwerpunkt meines Interesses liegt natürlich auf deutscher Geschichte, vorwiegend ab 1848 bis heute, also Neuzeit. Und obwohl ich überdurchschittlich viel gelesen habe, auch und gerade über den zweiten Weltkrieg, hatte ich bis dato noch nichts von den sogenannten Wolfskindern gehört. Daher ist der von mir gewählte Titel dieses Artikels absolut gerechtfertigt und pure Absicht.

Die Autorin und Journalistin Sonya Winterberg holt die "vergessenen Wolfskinder", zusammen mit der Fotografin Claudia Heinermann, zurück ins Licht des Wahrgenommenwerdens. Festgehalten und dokumentiert in ihrem neuen Buch "Wir sind die Wolfskinder", 2012 erschienen im Piper-Verlag.

"Wolfskinder" werden jene paar tausend deutschen Kinder genannt, die in oder um Königsberg geboren und aufgewachsen sind und in den letzten Kriegswochen zumeist unter 14 Jahre alt waren, ihre Eltern verloren (durch Hunger oder durch Erschießungen der Roten Armee) und sich alleine in die litauischen Wälder flüchteten und dort jahrelang überlebten, bis sie von litauischen Bauern aufgenommen oder von der sowjetischen Administration in die "DDR" abgeschoben wurden.

Was sich wie eins von vielen Kriegsfolgedramen anhört, war weit mehr als das. Sonya Winterberg und Claudia Heinermann besuchten die noch lebenden Wolfskinder, von denen die meisten noch immer in Litauen leben. Sie sind heute im Schnitt 75 Jahre alt. Winterberg erzeugt Nähe und hört zu. Sie dokumentiert die einzelnen Erinnerungen und Lebensgeschichten und erzählt sie, immer abwechselnd in kleinen Episoden. Das macht sie fantastisch, da sie auf diese Weise ihren Teil dazu beiträgt, die Aufmerksamkeit des Lesers noch weiter zu fesseln. Er, der Leser, begleitet so dieses kleine Mädchen oder jenen kleinen Jungen durch die unbeschwerte und glückliche Kindheit, erfährt ihren familiären Hintergrund, sieht förmlich die behagliche, mit Geschwistern gefüllte, Wohnstube, bestaunt mit großen Kinderaugen die Werkstatt des Vaters, fühlt die abendliche Geborgenheit mit dem Köpfchen in Mutters Schoß und tobt mit ihnen in den sommerlichen Badeseen Königsbergs. So werden sie mit ihrem deutschen Namen und ihrer familiären Herkunft nacheinander vorgestellt, bis man sie kurze Zeit später nacheinander wiedertrifft, wie sie an der Hand der Mutter durch die brennende Stadt irren, über Leichenberge klettern, wie sie hilflos daneben sitzen, während ihre Mutter von Rotarmisten vergewaltigt und danach erschossen wird, oder wie ihre Mutter neben ihnen am Straßenrand verhungert und sie sie im gefrorenen Winterboden nicht vergraben sondern nur notdürftig mit Schnee zudecken können, bevor sie sich entweder ganz alleine im Alter von 7 Jahren oder aber mit einem dreijährigen, völlig entkräfteten, Brüderchen an der Hand zu Fuß auf die lange Reise nach Litauen machen, der einzige Ort, wo es noch Nahrung gibt. Ostpreußen selbst ist komplett verwüstet und von jeglicher Nahrung "befreit". 5-, 6-, 7-jährige Kinder sind von an die nächsten Jahre auf sich allein gestellt.

Sie springen auf Güterzüge auf, fangen im Wald Frösche zum Verzehr, betteln an Bauernhöfen und können sich fast zwei Jahre lang um nichts anderes kümmern, als um den Kampf gegen Hunger und Kälte. Erfrorene Zehen, Typhus, Eiterbeulen, verfaulte Zähne, zerfetzte, seit Jahren nicht gewechselte, Kleidung, völlig verfilzte lange Löwenmähne. Wolfskinder halt. Die litauischen Bauern nennen sie so, und sie selbst nennen sich auch so. Bis heute.

Dass diese Kinder bis in den tiefsten Grund ihrer Seele schrecklich traumatisiert sind, bedarf keiner gesonderten Erwähnung. Was aber Erwähnung bedarf, ist die Tatsache, dass dieses Trauma kein Ende nahm. Jahrzehntelang nicht. Denn auch wenn die meisten das Glück hatten, früher oder später von einer litauischen Bauernfamilie dauerhaft aufgenommen zu werden, bedeutete das nicht, dass sie jetzt anfangen konnten, um ihre Eltern zu trauern oder mit den Erlebnissen und schrecklichen Bildern zu arbeiten. Denn da es den Litauern bei Strafe (Deportation nach Sibirien) verboten war, sie aufzunehmen, mussten sie sich fortan komplett verleugnen. Sie durften sich nie als deutsche Kinder zu erkennen geben, kein Deutsch sprechen, einen litauischen Namen annehmen, sich ständig verstecken und durften aus Angst vor Entdeckung auch nie eine Schule besuchen. An Traumabewältigung nicht zu denken. Im Gegenteil. Wer als Wolfskind dennoch entdeckt wurde, kam mit Glück in die "DDR", mit Pech für viele Jahre in ein Zwangsarbeitslager des Gulag, die barmherzige Ersatzfamilie nach Sibirien. Heute leben noch ein paar Hundert Wolfskinder. Sie sind größtenteils organisiert und werden nicht müde zu betonen, wieviel sie den Litauern zu verdanken haben.

Wir verfolgen, wieder in Episoden, ihren weiteren Lebensweg. Abschiebung ind die "DDR", Flucht in den Westen, Neuaufbau, Familiengründung. Oder Heirat in Litauen und Sesshaftwerdung dort. Die wenigsten können heute lesen oder schreiben (kein Schulbesuch). Die meisten sind verarmt. Einige kennen ihren richtigen Namen nicht mehr, wissen nichts mehr von ihrer einstigen Familie. Viele können erst mithilfe des Roten Kreuzes Rechercheergebnisse erzielen. Nach der Unabhängigkeit Litauens wurde ihnen gesagt, dass sie ihren sowjetischen Pass gegen einen litauischen tauschen sollen. Was man ihnen verschweigt: durch diesen Akt verlieren sie ihre deutsche Staatsangehörigkeit, und das Anfang der 90er. Der juristische Kampf um die Anerkennung ihrer deutschen Staatsangehörigkeit ist fast aussichtslos. Sie kommen eigentlich nur mit Spenden über die Runden (Stauder-Stiftung, Konto 5431416, BLZ 600 501 01, Landesbank BW, Stichwort "Wolfskinder").

Gegen Ende des Buches nehmen Winterberg und Heinermann einige der Wolfskinder (begleitet von unsäglichen russischen Einreiseschikanen) für einen Tagesbesuch mit nach Kaliningrad an die Stätten ihrer Kindheit. Sie finden ihr Elternhaus wieder, ihre Spielplätze und ihre Gärten. Umgesiedelte Russen leben jetzt dort, aber sie sind so freundlich, die Besucher in ihre ehemaligen Kinderzimmer zu lassen. Ich musste beim Lesen immer wieder schlucken. Es ist vor allem auch der Sprache Winterbergs zu verdanken, dass jede Zeile authentisch und hautnah wirkt, als wäre der Leser live dabei. Wie gesagt: Ich kann mich auf Anhieb nicht daran erinnern, wann mich ein Buch zuletzt so berührt und bewegt hat. Unbedingt lesen!!

Hier kann man es bestellen.

 

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